Vom Drachenfest zum Weltfrauentag: Wie sich die Geschichte in High Heels neu erfand
Es gibt Feste, die haben eine logische Entwicklung durchgemacht: Weihnachten? Wurde von Coca-Cola adoptiert. Halloween? Dank TikTok jetzt offizieller Feiertag für Influencer in Mesh-Kostümen. Aber der Weltfrauentag? Der hatte mal ernsthafte „Drachenfest-Energy“. Und nein, nicht metaphorisch, sondern wortwörtlich.
Früher gab es am 8. März das „Drachenfest“, ein Tag, an dem Männer traditionell Holzscheite ins Feuer warfen und sich gegenseitig dafür lobten, dass sie Männer waren. Frauen durften zuschauen, schweigen und gelegentlich die Gläser auffüllen. Historiker*innen nennen es „die ruhmreiche Zeit der testosterongeschwängerten Lagerfeuerromantik“, wir nennen es: Dienstag in jeder deutschen Kleinstadt.
Aber dann kam das Unvermeidliche: Frauen begannen, eigene Ideen zu haben. Ganz schlimm. Erst wollten sie ihre eigenen Holzscheite ins Feuer werfen, dann begannen sie, Fragen zu stellen (die ultimative Männer-Phobie). Fragen wie: „Warum feiern wir Drachen und nicht uns?“, „Warum sitzt ihr auf Stühlen und wir auf dem Boden?“ und die gefürchtete Endgegner-Frage: „Warum verdienen wir 20 Prozent weniger für den gleichen Job?“
Das war der Moment, in dem sich das Drachenfest selbst entzündete. Flammen loderten, alte Zettel mit „Aber biologisch gesehen…“-Argumenten wurden zu Asche, und Frauen beschlossen: Wir brauchen einen eigenen Feiertag. Einen, an dem nicht nur gewürfelt wird, wer den besten Bart hat, sondern an dem systematische Ungleichheiten angesprochen werden. Klingt radikal? War es auch.
So entstand der Weltfrauentag. Aber wie bei jedem guten Rebranding blieb es nicht lange unangetastet. Erst war es ein Kampftag für Gleichberechtigung, dann kam die Phase „Blumen statt Rechte“, und jetzt ist es eine Mischung aus feministischen Forderungen und Kapitalismus mit Glitzerschleife. 20 Prozent Rabatt auf pinke Rasierer? Danke, aber wir hätten lieber die 20 Prozent mehr Gehalt.
Und trotzdem: Der Fortschritt ist unaufhaltsam. Heute gibt es weniger Drachenfeste und mehr Diskussionen darüber, warum „Gleichberechtigung“ kein Marketing-Trend sein sollte. Der Weltfrauentag ist längst mehr als ein Hashtag oder eine Gelegenheit für Unternehmen, das eine weibliche Vorstandsmitglied vor die Kamera zu zerren. Es ist eine Erinnerung daran, dass man sich seine Rechte nicht schenken lässt — man nimmt sie sich. Mit oder ohne Feuerholz.
PS: Falls du heute einen Mann sagen hörst: „Aber wann ist Männertag?“, einfach tief einatmen und antworten: „Jeder verdammte Tag, Bro.“
